• Einmal mehr im Land der Träume

    5 Tage weile ich nun schon wieder in der Traumwelt der Vereinigten Staaten, dieses Mal in Denver am Fuße der Rocky Mountains. Nehme täglich im durchaus respektablen Hotel mit biegsamem Einmalbesteck Frühstück aus Schaumbechern und von Styroportellern zu mir. Lese nach Feierabend John Steinbeck aus dem Jahr 1962: "American cities are like badger holes, ringed with trash - all of them - surrounded by piles of wrecked and rusting automobiles, and almost smothered with rubbish. Everything we use comes in boxes, cartons, bins, the so-called packaging we love so much. The mountains of things we throw away are much greater than the things we use." John Steinbeck hatte diese Erkenntnis schon, bevor er überhaupt seine Reise "In Search of America" begann. Nein, die Städte sind es wahrlich nicht, die diesem Land zur Ehre gereichen. Zu austauschbar sind ihre Bürotürme, ihre Franchise-Futterautomaten, ihre künstlichen Shoppingwelten. Leicht machen sie es, den Bewohner dieser Welten je nach Wirtschaftslage zu verpflanzen - falls er jemals irgendwo Wurzeln schlagen konnte, wird er überall die gleichen Bodenbedingugen wiederfinden. "Maggianos - das haben wir in Tampa auch - da können wir gut essen." sagt mein Kollege, der seiner Heimat in Upstate New York nach Ohio entfloh und schließlich in Florida Arbeit fand. Ich halte dagegen und überzeuge ihn, in einer Gaststätte mit Kleinbrauerei einzukehren, deren Franchise-Kette ich von einem früheren Besuch in Washington D.C. kenne. Immerhin scheint dort das Bier tatsächlich jeweils vor Ort gebraut zu werden - selbst wenn Biersorten und Speisekarte auch bei tausenden Meilen Distanz identisch sind. Eine Erinnerung drängt sich auf: Keine 6 Wochen ist es her, dass wir in Seattle in einem Pub mit Brauerei saßen. Dort erfüllten sich die üblichen Klischees nicht. Trotz Lage mitten im Stadtzentrum setzte die Speisekarte Akzente, bemühte sich um außergewöhnliche Küche mit Zutaten aus der Region, teilweise biologisch erzeugt. Und auf die Frage, warum denn ausgerechnet hier an der amerikanischen Westküste (unter anderem) Bier der kleinen bayerischen Brauerei Aying ausgeschenkt wird, bekamen wir zu hören, dass sich der Inhaber der Gaststätte am Pazifik und der Chef der bayerischen Familienbrauerei schon lange kennen. Individualität und Persönlichkeit eben.

  • 7. November 2007

    Tag zwei der Diskussion über sichere Endlager für radioaktive Abfälle in der Stadthalle. Tag zwei des leiser werdenden Protestes dagegen draußen im Novemberregen. Am Tisch nebenan tauschen sich Behördenvertreter über den Umgang mit Atomkraft- und Endlagergegnern aus. Hervorstechendste Eigenschaft Letzterer: Sie haben Unterlippenpiercings und machen Flaschen mit dem Feuerzeug auf. Obwohl der Öffner gleich daneben liegt. Unfassbar. Das Gespräch wendet sich möglichen Strategien zum Umgang mit solch unzivilisiertem Volk in Besprechungen zu. „Erstmal so tun, als ob man nicht gemeint ist.“ ist die Grundregel. Wenn man dann doch wiederholt angesprochen und insistierend nach seiner fachlichen Einschätzung gefragt wird, hilft nur noch: „Ach Sie meinen mich? Das ist ein schwebendes Verfahren, da kann ich jetzt gar nichts zu sagen.“ Werden Kopien von Gutachten verlangt, wird von einem konkreten Fall als Antwort berichtet: „Was wollen sie denn mit dem Gutachten, das verstehen sie doch gar nicht.“ Der hartnäckige Aktivist blieb dran: „Wir haben Leute, die das verstehen.“, entgegnete er – nur um zu hören „Sie verstehens jedenfalls nicht, da wette ich.“ „Der kann wahrscheinlich auch gar nicht lesen“, wirft eine andere Wissenschaftlerin ein. Allgemeines Gelächter. Vielleicht ist solcher Humor – wie auch die strikte Abgrenzung von den „Gegnern“ - eine unbewusste Flucht vor der Realität. Vielleicht aber nur die blanke Dummheit der vermeintlichen Elite im Staate Deutschland.

  • 6. November 2007

    Szenenwechsel: Ein deutscher Minister für Reaktorsicherheit, der auf einer wissenschaftlichen Tagung zur Endlagerung radioaktiver Abfälle von seiner Vergangenheit in der Anti-Atom-Bewegung erzählt. Der im Alter von 16 Jahren bei einer Führung im „Forschungs“-Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle Asse nicht glauben konnte, dass wissenschaftlich zweifelsfrei erwiesen ist, dass kein Wassereinbruch in dieses ehemalige Bergwerk erfolgen kann. Gut zwanzig Jahre später erfolgte der Wassereinbruch, nach wie vor ist keine Lösung gefunden. Heute antwortet die zuständige Forschungsgesellschaft auf die Frage „Kann das Bergwerk unkontrolliert ‚absaufen‘?“ mit „Wenn sich die Zutrittsrate deutlich vergrößert, ja. Anzeichen dafür liegen allerdings nicht vor.“ Man ist auch vorsichtiger geworden. Der Politiker aber ist der Hauptzweifler. Längst wurde seitens der Regierung ein Moratorium für die Untersuchung des Salzstocks in Gorleben verfügt – es ist nicht mehr so klar, ob dieser Standort der beste ist. Im Publikum die Wissenschaftler, hadernd mit der Politik, die sie bremst. Eine verkehrte Welt – nicht die Wissenschaft unterstützt die Politik mit differenzierten Studien und Aussagen, thematisiert Zweifel und Unsicherheiten. Stattdessen übernimmt die Politik diese Rolle und verlangt neue Studien, Untersuchungen. Die Wissenschaftler sind gläubig, vertrauen ihren Zahlen und Modellen, und vergessen dabei, welche Annahmen sie vorher getroffen haben. Der Minister gibt noch viele Interviews, bezichtigt die Mitarbeiter einer Bundesanstalt pauschal, nur ihre Arbeitsplätze sichern zu wollen und verschwindet. Die Wissenschaftler werden noch für drei Tage weiterdiskutieren und sich gegenseitig versichern, wie gut ihre Ergebnisse sind.

  • 1. November 2007

    Als ich heute Morgen meinen Mietwagen zwecks pünktlicher Rückgabe mitten im Berufsverkehr durch das Zentrum Sydneys hindurch zur Autovermietung manövriert habe, schien sich die Stadt kaum von anderen Großstädten Australiens zu unterscheiden. Zugegebenermaßen, ich hatte den Eindruck, die anderen Verkehrsteilnehmer verhielten sich etwas ruppiger als im beschaulichen Adelaide, der Angestellte an der Mautstelle nahm sich nicht die Zeit für einen kurzen Plausch über die aktuellen Mietpreise für Campingmobile wie in Brisbane, und der Taxifahrer erzählte auf dem Weg von der Autovermietung zum Hotel auch nicht seine Lebensgeschichte wie in Perth. Ansonsten aber entsprach Sydney zumindest auf den ersten Blick dem Stereotyp anderer Großstädte down under: Weit ausgedehnte Vorortsiedlungen orientieren sich im Halbkreis um das Geschäftszentrum mit seinen typischen Hochhausbauten. KPMG neben WestPac, Ernst & Young neben GHD. Gleich der erste Spaziergang durch das Stadtzentrum offenbarte aber auch gleich deutliche Differenzen: Wo sind sie geblieben, die lockeren langhaarigen Surfertypen in T-Shirts, kurzen Hosen und Thongs? Die Businessmen in grau-schwarzen Anzügen mit ihren gegelten Kurzhaarfrisuren und ihre weiblichen Pendents in weissen Blusen und grauen Hosen mit ihren blonden Pferdeschwänzen lassen keinesfalls die Vorstellung einer „Shoeless Nation“ aufkommen, wie eine Bekannte in Brisbane angesichts der weitverbreiteten Adiletten-„Kultur“ Australien einmal bezeichnet hatte. Trotzdem ist das Bild aber sehr gleichförmig: Business-Kultur statt Surfkultur.
    Auch sonst finden sich zahlreiche – wenn auch nur graduelle – Unterschiede zu den anderen Städten, die ich in den vergangenen Wochen besucht habe. Konnte ich in Brisbane sehr einfach für den Preis von zwei Einzelfahrscheinen eine Tageskarte für den öffentlichen Nahverkehr erwerben, und hatte Perth sogar schon ein hochmodernes RFD-Chip-Basiertes Buchungssystem, so erweist sich autoloses Reisen in Sydney als eine akademische Aufgabe. Der „Sydney Bus ticketing guide“, den ich zum Glück gestern am Campingplatz finden konnte, umfasst 24 Seiten. Ich lerne, dass ich für Busfahren sogenannte „Sections“ zählen muss, die jeweils nur etwa 1,6 km lang sind (das System scheint noch aus der Zeit zu stammen, als in Australien englische Einheiten Anwendung fanden – also vor 1966). Es gibt auch 10-Fahrten-Karten, aber die Farbe der Karte muss mit der Anzahl der Zonen übereinstimmen. Der Tipp für Kunden, die verschiedene Strecken fahren: „If you travel on trips of various distances, it is better to hold more than one type of TrevelTen“ (also 5 verschiedene Fahrkarten…). Die gute Nachricht: Es gibt auch Tageskarten. Diese jedoch unterscheiden sich wiederum je nach gewünschtem Verkehrsmittel, und bei Fahrten auch nur in die Umgebung des Flughafens kann man sie selbstverständlich nicht verwenden. Ich muss morgen mit der Bahn fahren. Ich werde versuchen, eine Tageskarte für Bahn und Bus und Fähre zu erwerben (die Bezeichnung DayTripper erinnert nicht unberechtigterweise an eine unangenehme Krankheit), da ich bisher keine Information über Einzelfahrscheine für die Stadtbahn akquirieren konnte. Mir fehlt vermutlich der umfangreiche „Sydney City Train ticketing guide“.
    Spielten in Brisbane in den Fußgängerzonen noch lokale Bands bis hin zum kompletten klassischen (Kinder-) Orchester für die Passanten und die zahlreichen Gäste von Straßencafés, bleibt hier kein Raum für Gastronomie oder Kultur. Findet ein Straßenmusikant (bedauerlicherweise oft genug ein Urlauber mit seinen ersten Didgeridoo-Übungen) sein Publikum, staut sich der hektische Fußgängerverkehr. Die Vertreter der „Free Hugs“-Kampagne (http://www.freehugscampaign.org) in ihren weinroten Cord-Jacketts und/oder Öko-Klamotten (incl. laufender Video-Begleitung für die Öffentlichkeitsarbeit) finden niemanden zum Umarmen, werden aber als Berühmtheiten von Passanten gerne – aber heimlich und schnell, schließlich will niemand das Risiko eingehen, umarmt zu werden - fotografiert.
    Essen und Trinken finden – auf ihre Basisfunktion reduziert – fast ausschließlich unterirdisch in Food Courts statt. In diesen zeigt sich die klassenlose Gesellschaft Australiens par Excellance. Schulkinder, Bauarbeiter und Investmentbanker essen, wenn auch nicht zusammen, dann zumindest am gleichen Tisch und das Gleiche. Die klassenlose Natur der Gesellschaft trifft sich jedoch hier – wie so oft – am unteren Ende der Anspruchsskala. Fastfood als der kleinste gemeinsame Nenner wird von Allen akzeptiert, so wie Rugby, Biertrinken oder Barbecue. Wohl nicht ganz unberechtigt nennt ein (europäischer) Freund Australien den „perfect socialism“ – wobei „perfect“ hier ganz und gar nicht als positive Wertung zu verstehen ist.
    Ein Spaziergang zum Circular Quay, zwischen Harbour Bridge und Opernhaus gelegen, offenbart einen verzweifelten Versuch der Kulturadministration, den Passanten eine andere Art von Kultur nahezubringen. In den Boden eingelassene Literaturzitate von australischen und internationalen Autoren bilden den „Sydney Writers Walk“ und zeichnen sehr unterschiedliche Bilder von Australien, mit einem Themenspektrum, das vom Ursprung Sydneys als Strafkolonie bis zum Umgang mit den Aboriginees reicht. Während meines – längeren – Aufenthaltes dort wirft niemand auch nur einen Blick auf eines der Zitate.
    Auch niemand der zahlreichen Touristen, die mich stattdessen zahlreich darum bitten, sie vor dem Hintergrund der Harbour Bridge, dem Opera House oder beidem zu fotografieren. Eine Blonde mit knallrot lackierten Fingernägeln erfüllt dabei schon bei der Erklärung ihrer Kamera alle Klischees: „You maschd here and here – äh - drügge.“ Ich antworte ihr wiederholt auf Deutsch, aber ihr scheint nicht klar zu werden, dass ich ihr Schwäbisch besser verstehe als ihr Englisch. Etwas überrascht bin ich dann, dass ich nur sie fotografieren soll – obwohl sie mit einem Begleiter unterwegs ist. Warum der nicht in der Lage ist seine Freundin zu fotografieren (und er auch keine Hinweise auf die verzweifelte Frage „I wois nüt wie i mi nastelle soll“ geben kann) ist jedoch mit einem verwunderten Seitenblick schnell geklärt: Er hat seine Hände in einer fettigen „Hungry Jack’s“-Tüte und Teile des Inhalts bereits in seiner Gosch. Was wiederum beweist, dass die Anpassung an australische Multikultur schnell und einfach zu bewerkstelligen ist, auch ohne umfangreiche Sprachkenntnisse.

  • Zu Beginn

    Aus keinem besonderen Grund beginnt dieses Reisetagebuch mit dem Ende einer Reise. Aber das Ende der Vergangenheit ist auch immer der Anfang der Zukunft, und die vergangenen Erlebnisse sind automatisch Grundlage und Referenz allen zukünftigen Geschehens. Um diese Referenz auch bewusst zu erhalten, will ich versuchen, einige meiner Reiseerfahrungen aufzuschreiben.

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